Dienstag, 07. Februar 2012

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Hundeschulen Mülheim an der Ruhr
Elke Brix
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Der Einsatz von Sprühhalsbänder
Köpfchen statt Knöpfchen...
 
..das gilt auch für die viel gepiesenen Sprühhalsbänder die in ver-
schiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätestens
seit uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im deutschen
Fernsehen vorführte, wie jeder Hund, ganz gleich welches Problem
er seinen Haltern vermeintlich oder tatsächlich bereitet, mit Einsatz
einer Fernbedienung in das Verhalten gepresst werden kann, das
Herrchen oder Frauchen beliebt, finden die Halsbänder, die einen
angeblich völlig harmlosen Spraystoß von sich geben, steigenden
Absatz.


Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt einen aufhorchen,
wenn Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit auszulö-
sende Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“ sei. Da fragt man
sich doch selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn möglich
sein soll, instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen wie zum Bei-
spiel das Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken, das dem Hund
gar nichts ausmacht?! Dem Hundehalter wird generös angeboten, das
Gerät doch selbst mal in die Hand zu nehmen oder um den Hals zu le-
gen, während der Trainer den Auslöser betätigt... und tatsächlich, so
schlimm war das doch gar nicht. Ein kurzes „Zischhhh“ mit etwas
feuchtkalter Luft. „Ja“, bestätigt der überzeugte Hundehalter,  „das war
gar nicht schlimm.“ Was Hersteller und Trainer jedoch geflissentlich
verschweigen (aus Unwissenheit oder in betrügerischer Absicht?!), ist
die Tatsache, dass plötzlich auftretende, nicht eindeutig zuzuordnende
Zischlaute beim Hund als Angst auslösende, sogar lebensbedrohliche
Laute abgespeichert sind, bei denen sofort die Anblick eines Hundes,
der sich selbst im Körbchen `zig mal um die eigene Achse dreht, bevor
er sich schließlich gemütlich niederlegt. Es handelt sich bei dieser Ver-
haltensweise um ein Erbe aus den Zeiten, in denen der Hund noch
weitgehend draußen in Freiheit lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte
er sich mehrfach im Gras oder Laub, um die ausgesuchte Liegestelle
als ungefährlich abzusichern.


Sollte beim Drehen ein einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.
Biologisch sinnvoll... und diesen genetisch fixierten, Angst auslösen-
den Zischlaut bringen wir Menschen nun in den unmittelbaren Kopf-
bereich des Hundes! Und drücken vielleicht gleich mehr-fach das
Auslöseknöpfchen, worauf der Hund ganz leicht nicht nur in Angst,
sondern sogar in Panik versetzt werden kann - ohne die Möglichkeit,
sich durch die Flucht zur retten!

Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund genug, niemals zu
erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches Ge-
rät angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch
mehr Probleme:

Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum der Sprühstop ausge-
löst wird, befindet sich also in ständiger Erwartungsun-sicherheit. Wer
wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich folgendes Ei-
genexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes durchgeführt
werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert wird: Bitten Sie
ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark zu er-
schrecken,  zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch,
dass er plötzlich die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder
zwei Töpfe aufeinander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht
damit rechnen, sich zum Beispiel entspannt Karten spielen. Das Ex-
periment sollte mindestens mehrere Stunden, am besten ein oder
zwei Tage dauern und der Schreckreiz sollte in dieser Zeit mehrfach
ausgelöst werden - ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird. Sie
werden merken, dass der eigentliche Reiz, wenn er dann endlich auf-
tritt, bei weitem nicht so schlimm zu ertragen ist, wie die zermürbende
Warterei auf ihn. Obwohl man ihn fürchtet, wünscht man ihn schon
beinahe herbei in der Hoffnung, dann wieder eine Weile Ruhe zu
haben, was aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten ein
zweites oder drittes Mal ausgelöst wird und dann wieder stundenlang
gar nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine angenehme Vorstel-
lung, nicht wahr?!

Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere ergeben sich
aus der Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung lernen.
Trägt der Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß, wenn er zum
Beispiel auf mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch
ihm damit ze-igen, dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er
ungehorsam ist. Es kann aber gut sein, dass er in genau diesem Mo-
ment zu einem kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund
schaut - und den Strafreiz damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein
Hund, der noch im-mer nicht besser auf Abruf reagiert, dafür aber
Ängste, evtl. sogar durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen
das entwickelt, was er gerade sah. Die Hundehalter sind dann ratlos,
weil ihr Hund „plötzlich“ kleine Kin-der meidet oder Jogger anknurrt,
mit denen er doch bisher bestens aus-kam. Viele solcher Beispiele
finden sich in meiner Hundeschule ein, erst kürzlich ein Rhodesian
Ridgeback Rüde, dessen Sprühhalsband immer ausgelöst wurde,
wenn er zum Wildern durchbrennen wollte. Bei diesen Spaziergän-
gen war allerdings auch immer seine Gefährtin, der Zweithund der
Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des unerwün-
schten Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie sich in-
zwischen abgefunden hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen die
Nähe der Hündin mied.

Immer wenn diese den Raum betrat oder sich, so wie früher, zu ihm
kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem Gesichtsausdruck das Zim-
mer und das konnte man sich nicht erklären... Was hatte man diesen
beiden Hunden angetan!Welche Gefühle wurden in den Tieren aus-
gelöst?! Der Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin, die er früher
heiß und innig liebte, während diese nicht verstehen konnte, weshalb
er, der vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte und tobte, sie jetzt
mied. Die gleiche Trainerin, die den Einsatz des Sprühhalsbandes
empfohlen hatte, empfahl jetzt übrigens, einen der Hunde abzugeben,
weil die Tiere sich unterschiedlich entwickelt hätten und einfach nicht
mehr gut zueinander passen würden. Die Ängste des Rüden erklärte
sie über die angeblich dominante Ausstrahlung der Hündin. Man
könnte weinen, wenn man Hunden mit einem solchen Schicksal ge-
genüber steht - oder es packt einen einfach nur die Wut.


Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert sich bei
Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde, son-
dern auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des
Sprühhalsbandes Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das
Öffnen einer kohlensäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen
von heißem Fett in der Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die
dem Hund vorher egal waren, verset-zen ihn jetzt in Angst und
Schrecken. Der oben erwähnte Ridgeback Rüde zum Beispiel ver-
zog sich mit eingezogener Rute unter den Tisch des Besprechungs-
raums, als ich eine Wasserflasche öffnete. Dies tat ich nicht, weil
ich Durst hatte - trauriger Weise gehört es inzwischen schon fast
zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen und Analysieren
eines mir vorgestellten Hundes auszutesten, ob er schon mit Sprüh-
halsband gearbeitet wurde und welche Wunden dies an seiner
Seele hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr erstaunt, als ich
ihr nach dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an ihrem
Hund sicher schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das
wollte sie mir eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört
hatte, dass ich gegen den Ein-satz dieser Geräte bin. Nachdem ich
sie auf die Reaktion ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr
betroffen. Und wütend, nachdem ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde
jetzt Angst vor der Hündin und vor allen möglichen Geräuschen
hatte. Wütend auf die Trainerin, die sie auf diese „unerwünschten
Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam gemacht, sondern immer er-
klärt hatte, wie harmlos der Einsatz des Gerätes sei. Für mich stellt
sich die Frage, ob Kollegen, die es einsetzen, um diese Nebenwir-
kungen nicht wissen, oder ob sie diese bewusst verschweigen, weil
kaum jemand bereit wäre, den Einsatz zu erlauben, wenn sie be-
kannt wären. Und ich stelle mir die Frage, was von beiden eigentlich
schlimmer ist...

Last but not least gibt es Probleme mit der Technik. Es soll schon
vorgekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequenzen
oder sogar die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Hals-
bandes an einem anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird
dann also einem Hund verabreicht, der einfach nur herumsteht oder
gerade spielt oder sonst etwas tut. Das steigert die Erwartungsun-
sicherheit natürlich noch mehr und erhöht die Trefferquote auf Fehl-
verknüpfungen immens. Zusätzlich löst es nicht immer zuverlässig
aus, kann zum Beispiel durch Wetterlagen mit feuchter Luft (Nebel,
Regen) verzögert oder gar nicht reagieren.


Schließlich zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer ist, wo-
durch es passieren kann, dass der Auslöser gedrückt wird und
nichts geschieht. Dann käme man durch das Ausbleiben des Straf-
reizes (wenn der Hund denn überhaupt verstanden hätte, wofür er
eigentlich bestraft werden soll) in den Bereich der variablen Bestä-
tigung, was das unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der
Hund würde nämlich lernen, dass er das Verhalten nur immer wieder
zeigen muss, bis er schließlich wieder zum Erfolg (in diesem Fall das
Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des
Verhaltens) kommt. Man kann es also drehen und wenden, wie man
will:  Sprühhalsbänder sind ganz und gar nicht harmlos, im Gegenteil
sogar sehr gefährlich. Manche Hunde werden durch sie so verun-
sichert, dass sie in die so genannte erlernte Hilflosigkeit fallen, was
zur Folge hat, dass sie kaum noch Aktionen zeigen oder Handlungen
anbieten, weil sie in ständiger Angst vor dem für sie unkalkulierbaren
Strafreiz leben. Um diesen Tie-ren - und ihren verzweifelten Haltern -
zu helfen, braucht es ein meist lang angelegtes, gut durchdachtes
Training, das den Hund aus dieser erlernten Hilflosigkeit und seinen
vielfältigen Ängsten wieder herausholt.


Sprühhalsbänder gaukeln dem Hundehalter vor, mal eben schnell
per Fernbedienung eine Lösung für vermeintliche oder tatsächlich
entstandene Probleme zu haben. Aber so einfach ist das nicht. Hun-
de sind uns anvertraute, fühlende und denkende Lebewesen, die
nicht beliebig manipulierbar sind und deren Lernverhalten sich von
dem unseren ganz erheblich unterscheidet. Ich kann deshalb nur
dringend empfehlen, jeden Ausrüstungsgegenstand und jede
Methode, der/ die durch Hersteller oder Trainer empfohlen wird,
vor Anwendung am Hund genau zu prüfen, sich gut zu informieren
und im Zweifelsfall nach dem guten alten Motto zu entscheiden, das
auch für unsere Hunde gelten sollte: Was Du nicht willst, das man
Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.© Clarissa v. Reinhardt
animal learn

P.S.: Hiermit lade ich alle Hundefreunde ein, bei der Verbreitung
dieses Textes zu helfen. Ich erlaube als Autorin ausdrücklich, ihn
(vollständig und unverändert und unter Nennung der Quelle) auf
anderen Homepages zu veröffentlichen, auszudrucken und zu ver-
teilen oder auf ihn hinzuweisen. Je mehr Menschen um die Tücken
und Gefahren des Sprühhalsbandes wissen, je mehr Hunden bleibt
dessen Anwendung - hoffentlich - erspart.


Ein herzliches DANKE an jeden, der diesen Text weiter gibt. 

 

Sprühhalsbänder