Samstag, 31. Juli 2010
 
 
HOME
Caniscentrum
Angebot / Termine
Ausbildungs-Inhalte
Ausbildung Hundetrainer
Hundenews
HEIM - SERVICE
Problemhunde-Beratung
Spezialausbildung
Servicehunde
Therapiehunde

  KONTAKT

  Sie haben Fragen oder
  Wünsche?

  Dann nehmen Sie doch
  bitte Kontakt mit uns
  auf.

  Tel.     0208   88 25 807
  Mobil: 01577 40 61 840

  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können   


Newsletter

Möchten Sie über aktuelle Themen informiert werden, dann tragen Sie sich in unserem Newsletter ein.

Hier erfahren Sie alles über das Caniscentrum Elke Brix, Termine u.v.m.






Der Einsatz von Sprühalsbändern
 
Köpfchen statt Knöpfchen...
 

...das gilt auch für die viel gepriesenen Sprühhalsbänder, die in
verschiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätes-
tens seit uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im
deutschen Fernsehen vorführt, wie jeder Hund, ganz gleich
welches Problem er seinen Haltern vermeintlich oder tatsächlich
bereitet, mit Einsatz einer Fernbedienung in das Verhalten gepresst
werden kann, das Herrchen oder Frauchen beliebt, finden die Hals-
bänder, die einen angeblich völlig harmlosen Spraystoß von sich
geben, steigenden Absatz.

Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt einen aufhorchen,
wenn Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit auszu-
lösende Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“ sei. Da fragt
man sich doch selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn
möglich sein soll, instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen
wie zum Beispiel das Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken,
das dem Hund gar nichts ausmacht?! Dem Hundehalter wird generös
angeboten, das Gerät doch selbst mal in die Hand zu nehmen oder
um den Hals zu legen, während der Trainer den Auslöser betätigt...
und tatsächlich, so schlimm war das doch gar nicht. Ein kurzes
„Zischhhh“ mit etwas feucht-kalter Luft. „Ja“, bestätigt der über-
zeugte Hundehalter, „das war gar nicht schlimm.“ Was Hersteller und
Trainer jedoch geflissentlich verschweigen (aus Unwissenheit oder
in betrügerischer Absicht?!), ist die Tatsache, dass plötzlich auftre-
tende, nicht eindeutig zuzuordnende Zischlaute beim Hund als Angst
auslösende, sogar lebensbedrohliche Laute abgespeichert sind, bei
denen sofort die Anblick eines Hundes, der sich selbst im Körbchen
`zig mal um die eigene Achse dreht, bevor er sich schließlich gemütlich
niederlegt. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um ein Erbe aus
den Zeiten, in denen der Hund noch weitgehend draußen in Freiheit
lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte er sich mehrfach im Gras oder
Laub, um die ausgesuchte Liegestelle als ungefährlich abzusichern.
Sollte beim Drehen ein einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.
Biologisch sinnvoll... und diesen genetisch fixierten, Angst auslösenden
Zischlaut bringen wir Menschen nun in den unmittelbaren Kopfbereich
des Hundes! Und drücken vielleicht gleich mehr-fach das Auslöseknöpf-
chen, worauf der Hund ganz leicht nicht nur in Angst, sondern sogar
in Panik versetzt werden kann - ohne die Möglichkeit, sich durch die
Flucht zur retten!

Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund genug, niemals zu
erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches Gerät
angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch mehr
Probleme:

Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum der Sprühstop ausgelöst
wird, befindet sich also in ständiger Erwartungsunsicher-heit. Wer
wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich folgendes
Eigenexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes durchgeführt
werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert wird: Bitten Sie
ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark zu erschrecken,
zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch, dass er plötzlich
die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder zwei Töpfe aufein-
ander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht damit rechnen, sich
zum Beispiel entspannt Karten spielen. Das Experiment sollte mindestens
mehrere Stunden, am besten ein oder zwei Tage dauern und der Schreck-
reiz sollte in dieser Zeit mehrfach ausgelöst werden - ohne dass Sie
wissen, wann dies sein wird. Sie werden merken, dass der eigentliche
Reiz, wenn er dann endlich auftritt, bei weitem nicht so schlimm zu
ertragen ist, wie die zermürbende Warterei auf ihn. Obwohl man ihn
fürchtet, wünscht man ihn schon beinahe herbei in der Hoffnung, dann
wieder eine Weile Ruhe zu haben, was aber nicht so ist, da er kurz nach
dem Auftreten ein zweites oder drittes Mal ausgelöst wird und dann
wieder stundenlang gar nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine
angenehme Vorstellung, nicht wahr?!

Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere ergeben sich aus
der Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung lernen. Trägt
der Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß, wenn er zum Beispiel
auf mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch ihm damit
zeigen, dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er ungehorsam
ist. Es kann aber gut sein, dass er in genau diesem Moment zu einem
kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut - und den
Strafreiz damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein Hund, der noch
immer nicht besser auf Abruf reagiert, dafür aber Ängste, evtl. sogar
durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickelt, was
er gerade sah. Die Hundehalter sind dann ratlos, weil ihr Hund „plötzlich“
kleine Kinder meidet oder Jogger anknurrt, mit denen er doch bisher
bestens auskam. Viele solcher Beispiele finden sich in meiner Hundeschule
ein, erst kürzlich ein Rhodesian Ridgeback Rüde, dessen Sprühhalsband
immer ausgelöst wurde, wenn er zum Wildern durchbrennen wollte. Bei
diesen Spaziergängen war allerdings auch immer seine Gefährtin, der
Zweithund der Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des unerwünschten Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie sich
inzwischen abgefunden hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen die
Nähe der Hündin mied. Immer wenn diese den Raum betrat oder sich, so
wie früher, zu ihm kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem Gesichts-
ausdruck das Zimmer und das konnte man sich nicht erklären... Was hatte
man diesen beiden Hunden angetan! Welche Gefühle wurden in den Tieren
ausgelöst?! Der Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin, die er früher
heiß und innig liebte, während diese nicht verstehen konnte, weshalb er,
der vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte und tobte, sie jetzt mied.
Die gleiche Trainerin, die den Einsatz des Sprühhalsbandes empfohlen
hatte, empfahl jetzt übrigens, einen der Hunde abzugeben, weil die Tiere
sich unterschiedlich entwickelt hätten und einfach nicht mehr gut zu-
einander passen würden. Die Ängste des Rüden erklärte sie über die
angeblich dominante Ausstrahlung der Hündin. Man könnte weinen, wenn
man Hunden mit einem solchen Schicksal gegenüber steht - oder es packt
einen einfach nur die Wut.

Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert sich bei
Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde, sondern
auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des Sprühhals-
bandes Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das Öffnen einer
kohlensäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen von heißem Fett in
der Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die dem Hund vorher egal
waren, versetzen ihn jetzt in Angst und Schrecken. Der oben erwähnte
Ridgeback Rüde zum Beispiel verzog sich mit eingezogener Rute unter
den Tisch des Besprechungsraums, als ich eine Wasserflasche öffnete.
Dies tat ich nicht, weil ich Durst hatte - trauriger Weise gehört es
inzwischen schon fast zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen
und Analysieren eines mir vorgestellten Hundes auszutesten, ob er schon
mit Sprühhalsband gearbeitet wurde und welche Wunden dies an seiner
Seele hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr erstaunt, als ich ihr
nach dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an ihrem Hund
sicher schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das wollte sie
mir eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört hatte, dass ich
gegen den Einsatz dieser Geräte bin. Nachdem ich sie auf die Reaktion
ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr betroffen. Und wütend,
nachdem ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde jetzt Angst vor der Hündin
und vor allen mög-lichen Geräuschen hatte. Wütend auf die Trainerin,
die sie auf diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam
gemacht, sondern immer erklärt hatte, wie harmlos der Einsatz des
Gerätes sei. Für mich stellt sich die Frage, ob Kollegen, die es ein-
setzen, um diese Nebenwirkungen nicht wissen, oder ob sie diese
bewusst verschweigen, weil kaum jemand bereit wäre, den Einsatz
zu erlauben, wenn sie bekannt wären. Und ich stelle mir die Frage,
was von beiden eigentlich schlimmer ist...

Last but not least gibt es Probleme mit der Technik. Es soll schon vor-
gekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequen-zen oder
sogar die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Halsbandes an
einem anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird dann also einem
Hund verabreicht, der einfach nur herumsteht oder gerade spielt oder
sonst etwas tut. Das steigert die Erwartungsunsicherheit natürlich noch
mehr und erhöht die Trefferquote auf Fehlverknüpfungen immens.
Zusätzlich löst es nicht immer zuverlässig aus, kann zum Beispiel durch
Wetterlagen mit feuchter Luft (Nebel, Regen) verzögert oder gar nicht
reagieren. Schließlich zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer ist,
wodurch es passieren kann, dass der Auslöser gedrückt wird und nichts
geschieht. Dann käme man durch das Ausbleiben des Strafreizes (wenn
der Hund denn überhaupt verstanden hätte, wofür er eigentlich bestraft
werden soll) in den Bereich der variablen Bestätigung, was das
unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund würde nämlich
lernen, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er
schließlich wieder zum Erfolg (in diesem Fall das Ausbleiben des Strafreizes
und die erfolg-reiche Durchführung des Verhaltens) kommt.

Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Sprühhalsbänder
sind ganz und gar nicht harmlos, im Gegenteil sogar sehr gefährlich.
Manche Hunde werden durch sie so verunsichert, dass sie in die so
genannte erlernte Hilflosigkeit fallen, was zur Folge hat, dass sie kaum
noch Aktionen zeigen oder Handlungen anbieten, weil sie in ständiger
Angst vor dem für sie unkalkulierbaren Strafreiz leben. Um diesen
Tieren - und ihren verzweifelten Haltern - zu helfen, braucht es ein
meist lang angelegtes, gut durch-dachtes Training, das den Hund aus
dieser erlernten Hilflosigkeit und seinen vielfältigen Ängsten wieder
herausholt.

Sprühhalsbänder gaukeln dem Hundehalter vor, mal eben schnell per
Fernbedienung eine Lösung für vermeintliche oder tatsächlich ent-
standene Probleme zu haben. Aber so einfach ist das nicht. Hunde sind
uns anvertraute, fühlende und denkende Lebewesen, die nicht beliebig
manipulierbar sind und deren Lernverhalten sich von dem unseren ganz
erheblich unterscheidet. Ich kann deshalb nur dringend empfehlen, jeden
Ausrüstungsgegenstand und jede Methode, der/ die durch Hersteller oder
Trainer empfohlen wird, vor Anwendung am Hund genau zu prüfen, sich
gut zu informieren und im Zweifelsfall nach dem guten alten Motto zu
entscheiden, das auch für unsere Hunde gelten sollte: Was Du nicht
willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

© Clarissa v. Reinhardt
animal learn

P.S.: Hiermit lade ich alle Hundefreunde ein, bei der Verbreitung dieses
Textes zu helfen. Ich erlaube als Autorin ausdrücklich, ihn (vollständig und
unverändert und unter Nennung der Quelle) auf anderen Homepages zu
veröffentlichen, auszudrucken und zu verteilen oder auf ihn hinzuweisen.
Je mehr Menschen um die Tücken und Gefahren des Sprühhalsbandes
wissen, je mehr Hunden bleibt dessen Anwendung - hoffentlich - erspart.
Ein herzliches DANKE an jeden, der diesen Text weiter gibt.